Medizinrechtlicher Fachbeitrag zum Geburtsschadensrecht -hier Hebammenhaftung- auf HEBAMMENHAFTUNG.de von RECHTSANWALT Michael Graf, München
Beispielsfall
Geburtsschaden durch Hebamme, verzögertes Handeln, Tod eines Kindes bei der Geburt
Teil 1:
Sachverhalt
Der haftungsrelevante Sachverhalt lässt sich in 13 Komplexe aufteilen:
01.
Am 25.06.03, in der 11. SSW stellte sich die Patientin bei der Hebamme zur Hebammen-Schwangerenvorsorgeuntersuchung vor.
Am 08.07.03 wurde in der Praxis Drs. T eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt, die eine intakte Drillingsgravidität zeigte.
02.
Die Patientin begab sich am 21.07.2003 in die
frauenärztliche Behandlung der Frauenärztin. Dort konnte in der
14./15. SSW lediglich noch eine Zwillingsschwangerschaft gesehen werden.
03.
Insgesamt wurden bei der Patientin 12 Schwangerenvorsorgeuntersuchungen durchgeführt, letztmals am 09.12.03 in der 34 +2/7 SSW.
04.
An diesem Tag (09.12.03) zeigte sich bei der vaginalen Untersuchung eine verkürzte Zervix, der Muttermund war geschlossen, der vorangehende Teil am Becken tastbar, es wurde ein Druck nach unten beschrieben.
05.
Am 18.12.03 um 17 Uhr kam es in der 35 +4/7 SSW zu einem vorzeitigen Blasensprung
ohne Wehentätigkeit. Die Hebamme wurde kontaktiert. Die Hebamme
informierte die Patientin darüber, dass bei fehlender Wehentätigkeit
eine Vorstellung im Geburthaus nicht nötig sei.
06.
Am 19.12.03 gegen 2.00 Uhr begannen die Wehen, die gegen
3.00 Uhr von der Patientin als so kräftig beschrieben wurden, dass ihr
ein Transport in das Geburtshaus nicht mehr möglich schien.
Um 5.30 Uhr war der Muttermund vollständig eröffnet.
07.
Um 13.52 Uhr kam es zur Geburt des 1. Zwillings aus der I. vorderer
Hinterhauptslage. Das Gewicht betrug 2400 Gramm, die Körperlänge 50 cm,
der
Kopfumfang 34,5 cm, die APGAR-Werte nach 5 und 10 Minuten 10-10.
08.
09.
Um 14.45 Uhr kam es zum Blasensprung beim 2. Zwilling.
Um 14.46 Uhr kam es zu einem Armvorfall
des zweiten Zwillings und zur mütterlichen Hypotonie mit Blässe,
Schwindel und Ohnmachtsgefühl. Die Therapie durch die Hebamme bestand
in den Maßnahmen: frische Luft, Notfalltropfen und Kardiodoron.
Um 14.47 Uhr traten Presswehen ein.
Die Geburt wurde mit „Kristellerhilfe“ beendet. (vgl. Akte StA, Blatt14)
10.
Um 14.53 Uhr wurde der 2. Zwilling, ein Mädchen, geboren. Das Gewicht
von Linda R. betrug 2320 Gramm, die Körperlänge 47 cm, der Kopfumfang
31,5 cm, die APGAR-Werte nach 1,5 und 10 Minuten betrugen 1-3-3. Die
Geburt erfolgte mit intaktem Damm. Das Neugeborene musste reanimiert
werden, die Hebamme nahm eine Maskenbeatmung mit einem Beatmungsbeutel
vor.
11.
Um 15.25 Uhr wurde der Kindernotarzt informiert, dieser traf um 15.45
Uhr bei der Patientin ein. Bei Eintreffen des Notarztes war das Kind
schlaff und ohne Reflexe, die Sauerstoffsättigung betrug 89%, der APGAR
wurde mit 5 bestimmt. Das neugeborene wurde vom Kinderarzt umgehend
intubiert. Unter „Diagnose“ im perinatal-Einsatz-Bogen ist eine schwere
Asphyxie dokumentiert.
12.
Um 16.20 Uhr erfolgte die Verlegung des Neugeborenen in die
Kinderklinik 3. Ordens Um 17.00 Uhr wurde das Kind in der
Kinderintensivstation aufgenommen.
Bei Linda R. zeigte sich eine metabolische Azidose
(stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes und des Körpers), eine
Herzinsuffizienz (Unvermögen des Herzens, die vom Körper benötigte
Blutmenge ohne Druckanstieg in den Herzvorhöfen zu fördern) sowie ein
pathologisches EEG und somit das typische Bild einer schweren
Postasphyxie-Sequenz mit hypoxisch-ischämischer Enzephalopathie
(krankhafte Veränderungen des Gehirns).
13.
Klinikaufenthalt Linda R. (2. Zwilling)
Linda R. wurde am 19.12.03 um 16.55 Uhr in der Intensivstation des Krankenhauses III. Orden in München aufgenommen.
„Wir sahen ein intubiertes und beatmetes Frühgeborenes der 35. SSW
(nach Petruss), kardiorespiratorisch stabil ohne zusätzlicher
Sauerstoffbedarfs. Auffällig war von Anfang an ein starrer Blick und
deutliche Kloni aller Extremitäten, erhöhter Beugetonus der Oberen
Extremität mit Fäusteln. Da cerebrale Krampfanfälle nicht
ausgeschlossen werden konnten, verabreichten wir mehrfach
Phenobarbital. Außerdem ausgeprägte Schnappatmung, keine
Spontanmotorik, mittelweite Pupillen. Unter Berücksichtigung der
klinischen und laborchemischen Parameter, z.B. Lactat, metabolische
Azidose, Hyperglykämie, Herzinsuffizienz, pathologisches EEG, handelte
es sich hier um das typische Bild einer schweren Postaspphywie-Sequenz
mit hypoxisch-ischämischer Enzephalopathie. Sonographisch war im
Verlauf ein deutliches Hirnödem mit hochpathologischem Doppler zu sehen.
Wegen der Vorgeschichte verabreichten wir bereits primär Antibiotika, Im Lochialabstrich der Mutter waren Streptokokken
der Gruppe G nachweisbar. Unter den üblichen intensivmedizinischen
Maßnahmen stabilisierte sich der Zustand innerhalb der ersten
Lebenswoche deutlich. Linda wurde zunehmend wacher, die Medikamente
konnten zügig reduziert und die Nahrung aufgebaut werden. Mit den
Eltern wurden mehrfach ausführliche Gespräche über den
Krankheitszustand ihres Kindes und die schlechte Prognose geführt. Am
02.01.04 konnten wir Linda bei ausreichender Spontanatmung extubieren.
In Rücksprache mit den Eltern sollte Linda bei einer Verschlechterung
unbedingt wieder reintubiert werden.
Am 03.01.04 verschlechterte sich die Atmung, am pharyngealem IMV kam es
zur Schnappatmung mit zunehmendem Sauerstoffbedarf, daher erfolgte in
Absprache mit den Eltern die Reintubation und maschinelle Beatmung.
Gegen 18.00 Uhr hatte sich der Zustand dramatisch verschlechtert unter
dem klinischem Bild einer gramnegativen Sepsis
mit arterieller Hypotonie, metabolischer Azidose, CRP-Anstieg und
Agranulozytose. Unter hochdosierter Katecholamintherapie und Kortison
war der Blutdruck nicht zu stabilisieren und eine Oxygenierung nicht
mehr möglich. Am 04.01.04 um 0.50 verstarb das Mädchen nach anhaltender Bradyarrhythmie auf dem Arm der Mutter.
Eine Obduktion wurde von den Eltern abgelehnt. In der Blutkultur war
schließlich Pseudomonas aerugenosa nachweisbar. Dies bestätigte unseren
V. a. gramnegative Sepsis.“
14.
Klinikaufenthalt Mutter R. Sabine
Stationäre Behandlung vom 21.12. bis 27.12.2003
Diagnose:
Endomyometritis (Entzündung der Innenhaut und der Muskelschicht der
Gebärmutter), Anämie (Blutmangel), Dyspnoe (Atemnot), Fieber,
allergische Hautreaktion Unterbauch
Vaginalabstrich: häm Streptokokken G oder B (schlecht leserlich)
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